
Zahlen, Daten, Fakten: Frauengesundheit ist global unterversorgt, wirtschaftlich unterschätzt
Vier aktuelle Reports. Vier verschiedene Perspektiven. Eine gemeinsame Botschaft:
Frauengesundheit ist global unterversorgt, wirtschaftlich unterschätzt und politisch zu lange als Randthema behandelt worden. Nicht als Meinung – sondern als messbare Realität.
1. PwC: Der 600-Milliarden-Dollar-Markt, den die Welt noch nicht ernst nimmt
Der Frauengesundheitssektor ist auf dem Weg, bis 2030 ein 600-Milliarden-Dollar-Markt zu werden – mit einer jährlichen Wachstumsrate von 6–8 %.¹
Das klingt nach Fortschritt. Aber PwC macht eine entscheidende Einschränkung: Dieses Potenzial lässt sich nur realisieren, wenn Frauengesundheit aufhört, primär als Reproduktionsmedizin verstanden zu werden.
Denn die größten Versorgungslücken liegen woanders.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen weltweit – und werden systematisch unterdiagnostiziert. Die Symptome bei Frauen unterscheiden sich oft von klassischen männlichen Mustern: Übelkeit, Erschöpfung und Kieferschmerzen statt des typischen Brustdrucks. Studien zeigen, dass Frauen nach einem Herzinfarkt seltener leitliniengerechte Behandlung erhalten als Männer.²
Alzheimer trifft Frauen überproportional: Zwei Drittel aller Erkrankten sind weiblich. Die Forschung beginnt erst jetzt, den Zusammenhang mit dem Östrogenabfall in den Wechseljahren systematisch zu untersuchen – eine Verbindung, die jahrzehntelang ignoriert wurde.³
Und die Menopause als eigenständiges medizinisches Feld steckt noch in den Anfängen. Dabei betrifft sie jede Frau – und beeinflusst Herzgesundheit, Knochengesundheit, kognitive Leistung und psychisches Wohlbefinden gleichzeitig.
2. Hologic Global Women's Health Index 2026: 54 von 100
Der Hologic Global Women's Health Index misst jährlich den Zustand der Frauengesundheit weltweit – in über 140 Ländern, basierend auf Daten von mehr als 147.000 Frauen.⁴
Das Ergebnis 2026: 54 von 100 Punkten. Ein marginaler Anstieg – getrieben durch leicht verbesserte Vorsorgeraten. Aber hinter dieser Zahl:
33 % der Frauen berichten von täglichen körperlichen Schmerzen. Fast jede vierte Frau hat Gesundheitsprobleme, die ihren Alltag ernsthaft beeinträchtigen. Und die tägliche Lebensqualität hat sich im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert – trotz marginal besserer Vorsorgewerte.
Das zeigt eine wichtige Lücke: Vorsorge und gelebte Gesundheitserfahrung sind zwei verschiedene Dinge. Eine Frau kann statistisch erfasst sein – und trotzdem täglich mit Schmerzen leben, die nicht ernst genommen werden.
3. World Economic Forum: 75 Millionen gesunde Lebensjahre – ungenutzt
Das World Economic Forum hat die globale Gesundheitslücke zwischen Frauen und Männern quantifiziert.⁵ Das Ergebnis ist konkret: Würde die Gesundheitslücke geschlossen, würden weltweit 75 Millionen gesunde Lebensjahre hinzugewonnen.
75 Millionen Jahre. Als Summe aus vermiedenen Schmerzen, behandelten Erkrankungen, erhaltenem Wohlbefinden.
Hinter dieser Lücke stecken systematische Probleme: Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien, die Unterschätzung von Schmerz bei Frauen in der medizinischen Versorgung, fehlende geschlechtsspezifische Diagnosekriterien und strukturelle Unterfinanzierung der Frauengesundheitsforschung.
Diese Lücke ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen – und damit veränderbar.
4. UK Parliament Women and Equalities Committee: Ein nationaler Skandal
Der jüngste Report des britischen Parlamentsausschusses für Frauen und Gleichstellung wählt deutliche Worte: Der Zustand der gynäkologischen und menstruellen Versorgung im Vereinigten Königreich wird als nationaler Skandal bezeichnet.⁶
Was der Report dokumentiert: Starke Schmerzen werden routinemäßig abgetan. Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Endometriose-Diagnose beträgt in Großbritannien 7–10 Jahre – obwohl Endometriose rund 10 % aller Frauen im gebärfähigen Alter betrifft.⁷
Was in Großbritannien gilt, ist kein britisches Problem. Lange Diagnosezeiten, abgetane Schmerzen und strukturelle Unterversorgung sind in vielen Gesundheitssystemen Realität – auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Was diese vier Reports gemeinsam sagen
Vier verschiedene Organisationen. Vier verschiedene Methoden. Eine gemeinsame Schlussfolgerung: Frauengesundheit wird systematisch unterschätzt – medizinisch, wirtschaftlich und politisch.
Das ist keine Frage von Einzelschicksalen. Es ist eine strukturelle Realität, die sich in Daten messen lässt: in Schmerzwerten, die steigen statt sinken. In Diagnosejahren, die unnötig verloren gehen. In einem Markt, der wächst – aber noch nicht dort investiert, wo die Lücken am größten sind.
Was das für dich bedeutet
Diese Reports beschreiben die Realität von Frauen, die täglich mit Schmerzen leben. Die jahrelang auf Diagnosen warten. Deren Symptome nicht ernst genommen werden.
Vielleicht kennst du das selbst.
Was du tun kannst: Deinen Körper besser verstehen. Signale ernst nehmen. Dich informieren – bevor du auf eine Diagnose wartest, die zu lange auf sich warten lässt.
Denn das Erste, was sich verändern muss, ist das Wissen. Über den eigenen Körper. Über hormonelle Zusammenhänge. Über das, was normal ist – und was nicht hingenommen werden muss.
Quellen:
¹ PwC (2024). Women's Health: The $600 Billion Opportunity. https://www.pwc.com/
² Mehta LS et al. (2016). Acute Myocardial Infarction in Women. Circulation. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26976786/
³ Alzheimer's Association (2023). 2023 Alzheimer's Disease Facts and Figures. https://www.alz.org/
⁴ Hologic (2026). Global Women's Health Index. https://www.hologic.com/
⁵ World Economic Forum (2024). The State of Women's Health in Numbers. https://www.weforum.org/
⁶ UK Parliament Women and Equalities Committee (2024). Menstrual Health and Gynaecological Conditions Report. https://committees.parliament.uk/
⁷ Zondervan KT et al. (2020). Endometriosis. New England Journal of Medicine. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31995679/









